Kritiken zu "Hamlet"
Die Rheinpfalz / 24.01.2011 - Saarbrücker Zeitung / 28.01.2011 - INSIDER Magazin / 23.01.2011
Das Leben ist eine Baustelle
Pfalztheater-Intendant Johannes Reitmeier inszeniert in Kaiserslautern "Hamlet"
Fabian R. Lovisa / Die Rheinpfalz / 24. Januar 2011
" [...] Ganze Bücher wurden geschrieben über die Psyche des betrogenen Dänenprinzen, die Auslegungen seiner Figur auf der Theaterbühne sind verschiedentlicher kaum denkbar. Ein Klassiker darunter sicherlich: Hamlet als melancholischer Grübler. Doch sucht Regisseur Reitmeier seinen eigenen Weg. Und der beginnt bei der Besetzung seiner Hauptfigur. Mit Daniel Mutlu hat er einen jungen Schauspieler mit dem Hamlet betraut, einen blonden, sympathischen Schlacks, der erst 2008 einen Kölner Theaternachwuchspreis erhielt und seit der Saison 2009/2010 am Pfälzer Dreispartenhaus arbeitet. [...] Ohne übertriebenen Respekt nähert sich der 27-Jährige seiner Figur. Zunächst staunt sich sein Hamlet mit aufgerissenen Augen und offenem Mund durch die Welt des dänischen Hofes. Mit Herzblut gibt er in der Folge den vermeintlich Durchgeknallten, übt den "Sein oder nicht sein"-Monolog schon mal mit roter Clownsnase und Sturmfrisur - eine Mischung aus Kleinem Prinzen und Kobold in einem Käfig voller Narren. [...] Dass über die dreieinhalbstündige Spieldauer (mit einer Pause) nur im ersten Teil wenige Längen auftauchen, ist der intensiven Personenführung Reitmeiers zu verdanken. Bis in die Nebenrollen hinein entwickelt er mit großem Nachdruck seine Figuren, arbeitet umsichtig mit der oftmals komplexen Sprache der Schlegel-Übersetzung und entwickelt Nebenstränge, ohne den Blick fürs Ganze zu verlieren. [...]"
Ein Feuerkopf auf der Staats-Baustelle
Aufführungsvergleich: Nach Saarbrücken zeigt jetzt auch Kaiserslautern einen Intendanten-"Hamlet"
SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus / Saarbrücker Zeitung / 28.01.2011
" Es existiert eine ungeschriebene Rangliste der regionalen Ensemble-Bühnen: Mannheim, Saarbrücken, Kaiserslautern, Luxemburg (Nationaltheater), Trier. In der eigentlichen Großregion behauptet das hiesige Staatstheater seit langem die Platzhirsch-Position. Umso überraschender, wenn sich im unmittelbaren Aufführungsvergleich die Perspektive verschiebt, vor allem, wenn es um Intendanten-Produktionen geht. Bis vor kurzem stand im Saarländischen Staatstheater (SST) "Hamlet" auf dem Spielplan, dieser Tage kam Shakespeares Mammut-Tragödie im Kaiserslauterer Pfalztheater heraus. In einer über dreistündigen Strich-Fassung, die eine knappe Stunde länger ist als Schlingmanns Version. Zwar gerät Intendant Johannes Reitmeier Manches zu ausladend. Doch man lernt in Kaiserslautern: Dieser komplexe Shakespeare-Stoff - Staats-Affäre, Rache-Melodram, Psycho-Krimi, Liebestragödie - braucht seine Zuhör-Zeit. Nur dann entfaltet sich seine Vielschichtigkeit als Faszinosum und nicht als Verwirr-Moment.
[..] Generell jedoch hält sich Reitmeiers Inszenierungsstil an alte Tugenden: keine Mätzchen, scharf umrissene Charaktere, eindeutige Konflikt-Linien, vor allem aber ein tragender Hauptdarsteller. Der heißt Daniel Mutlu und ist ein Glücksfall für die Inszenierung. Er steuert den Dänenprinzen, dessen Mutter mit dem Bruder und Mörder des Vaters im Ehebett liegt, gänzlich unbekümmert am Klischee des Melancholikers und Zauderers vorbei. Zeigt ihn als sympathisch durchgeknallten, unberechenbaren Feuerkopf mit typisch spätpubertären Zickigkeiten. Dieser Hamlet leidet nicht am Außenseitertum, er gefällt sich als Snob, der sich schon mal eine Clownsnase aufsetzt und bei offiziellen Anlässen die Unterhose runterlässt. Mutlu greift sich die Theater-Ikone Hamlet so beherzt und so gänzlich ohne Ehrfurcht, dass es eine Freude ist.
Ähnlich zupackend agiert die gesamte Kaiserslauterer Truppe. [..] So entwickelt sich ein stimmiges, unaufgeregtes Miteinander. Der Zuschauer genießt den Verzicht auf Exzentrik. Alles in allem ist in Kaiserslautern ein vielleicht unspektakulärer "Hamlet" zu besichtigen, dafür ein grundsolider."
Ein Krimi der hält was er verspricht
Hamlet-Inszenierung am Pfalztheater - Polit-Thriller fesselt Publikum
Petra Rödler / INSIDER Magazin / 23.1.2011
Großen Beifall und Lob gab es für "Hamlet", der gestern Abend Premiere auf der Bühne im Pfalztheater feierte. Regisseur Johannes Reitmeier und sein Schauspielensemble haben es geschafft, das Publikum drei Stunden lang zu fesseln. Keine leichte Aufgabe, denn "Hamlet" kennt jeder, hat jeder schon mindestens einmal gesehen, und jeder hat so seine ganz eigenen Erwartungen an das Stück.
Urs Häberli, stellvertretender Intendant des Pfalztheaters sprach Johannes Reitmeier ein ganz großes Kompliment aus. "Ich war von diesem Abend ausgesprochen persönlich berührt. Mein Lob und meine Achtung gehen auch an das gesamte Ensemble. Ich betrachte dies als eine Ensembleleistung und als diese ist Ihre Leistung sensationell!" Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so eine Intensität sei im Zuschauerraum gewesen. "Das kann nur geschehen, wenn eine solche Leistung auf die Bühne gebracht wird!"
Und diese Leistung wird auf die Bühne gebracht. Johannes Reitmeier hat diesbezüglich im Vorfeld nicht zu viel versprochen."Für mich ist das Zentrale, dass ich den Zuschauer in einen literarischen Thriller mitnehmen will – und das ist „Hamlet“ für mich, ein atemloses Stück voller irritierender Wendungen, das die ganze Zeit unglaublich pendelt zwischen Sein und Schein", sagt er über seine 19. Regiearbeit am Pfalztheater. Und er bringt das Stück nicht nur spannend auf die Bühne, auch modern ist seine Inszenierung. Es ist kein verstaubter "Hamlet", den das Publikum zu sehen bekommt. Die Familiengeschichte spielt in der Gegenwart, ein Politthriller, wie er heute eben auch vorkommen kann.So ist auch das Bühnenbild von heute. Zu Beginn der Geschichte stürzt alles ein und "Hamlet" trifft nun auf eine Baustelle, die mit blinkenden Absperrbarken und einem Baugerüst nebst Bauarbeitern mit Schubkarren auch so aussieht. Nun mag der ein oder andere diese Modernität wieder kritisieren. "Hamlet ist immer etwas, was man zur Diskussion stellt", sagte Johannes Reitmeier dazu gestern Abend auf der Premierenfeier. "Jede Inszenierung ist ein Angebot. Man sucht sich das aus, was einem gefällt." Und Recht hat er. Jeder kann etwas finden: die Sprache, den Text, die schauspielerische Leistung, die Kostüme, das Bühnenbild... alles, was "Hamlet" ausmacht, ist da. Man darf sich aus dem großartigen Angebot herausnehmen, was einem gefällt. Es ist genug "Nehmenswertes" da!
Und eines ist sicher: Auf dieses moderne Angebot werden auch junge Menschen zugreifen. Das Pfalztheater ist sowieso schon ein Theater, das einen geringeren Altersdurchschnitt hat als andere Theater. Und dieser "Hamlet" wird ganz sicher das Pfalztheater wieder ein Stückchen "jünger" machen.
"Wenn es gelingen könnte, an diesem Abend niemanden zu langweilen, sondern über die gesamte Aufführungsdauer wirklich in den Bann dieser sehr gut gemachten Story zu ziehen, dann haben wir unser Klassenziel erreicht", wünschte sich Johannes Reitmeier im Vorfeld der Aufführung.
Setzen, Eins! Klassenziel erreicht!
aktualisiert: 10.10.2011; 19:10:37 h